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Als jiddische Literatur bezeichnet man alle Werke, die von Angehörigen des jüdischen Volkes in jiddischer Sprache verfasst worden sind. Man unterteilt die jiddische Literatur in drei Phasen, entsprechend ihrer sprachgeschichtlichen Entwicklung:

1. Die altjiddische Phase

Sie umfasst die Zeit von 1250 bis ca.1800. Jüdische Spielleute zogen zu jener Zeit durch die Lande und führten epische Dichtungen und höfische Romanzen nichtjüdischen Ursprungs auf wackligen Holzbühnen oder Marktplätzen auf. Sie gelten als Anfänge der jüdischen Literatur. Erst im 19. Jahrhundert bildete sich eine jiddische Dichtersprache heraus. Von nun an entstanden hauptsächlich auf die Religion aufbauende Werke. Ziel war es, die verschiedenen Aspekte der Glaubensrichtung darzulegen. Beispiele für derartige Bücher wären zum einen das sogenannte Maassebuch, in dem kurze historische, anekdotische aber auch legendenhafte Texte enthalten sind. Zum anderen existieren Gebetstexte für Frauen, die in dem Werk Tehinnot zusammengefasst sind. Neben den zahlreichen religiösen Niederschriften entstanden auch Texte, die über den Alltag jüdischer Familien in Deutschland Aufschluss geben. Nennenswert wären hier die Aufzeichnungen der Kaufmannsfrau und Schriftstellerin, Glückel von Hameln mit ihrem Werk „Die Memoiren der Glückel von Hameln“. Ebenso erwähnenswert sind die Tagebuchaufzeichnungen des schwedischen Juden Aaron Isaac.

2. Die klassische Phase

Jene Epoche umfasst den relativ kurzen Zeitraum vom Ende des 19. Jahrhunderts bis ins frühe 20. Jahrhundert. Themen, die die Literatur jener Zeit prägten, waren das Alltagsleben der Juden in Westrussland sowie das Leben der Juden außerhalb der zahlreichen Ghettos. Der wohl bekannteste Vertreter der klassischen Phase war Mendele Mojcher Sforim (eigentlich Schalom Jakob Abramowitsch). Charakteristisch für ihn ist, dass er erstmals das Jiddische als Literatursprache verwendete. Er beschreibt in seinen Texten zum einen die Zuneigung, die er für sein Volk empfindet, zum anderen aber auch seine Ablehnung gegenüber dem Leben in den vielen Ghettos. Auch Traditionen des jüdischen Volkes finden in seinen Werken Berücksichtigung.

Die Väter der modernen jiddischen Literatur
Mendele Mocher Sforim (1835-1917) war überzeugt von den Ideen der
Aufklärung und schrieb ursprünglich in Hebräisch. Später wollte sich einem breiteres Publikum erschließen und wandte sich daher dem Jiddischen zu. Der Durchbruch gelang Mendele 1864 mit dem Buch "Dos kleine Mentschele", in dem er Kritik an den Zuständen im Schtetl übt. Aber auch die humorvolle Schilderung seiner wirklichkeitsfremden Bewohner durchziehen das ganze Werk.

Isaak Leib Perez (1851-1915) begann in den 80er Jahren unter dem Einfluss der grausamen Pogrome nach der Ermordung Alexander II. (1881) auf Jiddisch zu schreiben. Er vertrat die Ansicht, dass zur jüdischen Eigenständigkeit die jiddische Sprache gehört, da die Pogromwellen die Assimilationshoffnungen vieler Juden und auch seine zerstörten. Ab 1981 gab er die "Jiddische Bibliothek" heraus, sie umfasste sowohl jiddische
Literatur als auch populärwissenschaftliche Texte. Er war Mitarbeiter vieler jiddischer Zeitungen und Journale. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören die Erzählbände "Volkstümliche Geschichten" und "Chassidische Erzählungen". Auf der Konferenz der Jiddischisten in Czernowitz (1908) war er einer der Wortführer. Gegenstand der Konferenz war die jiddische Literatur als zeitgemäßes, ernstzunehmendes Schrifttum.
Bei seinem Begräbnis sollen sich 100000 Trauernde versammelt haben.

Scholem Aleichem (1859-1916) wandte sich in der Hoffnung, die Volksmassen mit Geschichten erziehen zu können, der jiddischen Sprache zu. Er beschrieb in seinem Werk "Tweje, der Milchmann" (1894) den Typ des ewig Scheiternden, der doch immer wieder Hoffnung schöpft und sich bemüht, mit Humor seinen oft traurigen Alltag zu bewältigen, . Diese Geschichte wurde zur Vorlage des Musicals "Fiddler on the Roof" (1964), das mit großen Erfolg am Broadway und auf vielen Bühnen der ganzen Welt gespielt wunde.

Frauen und jiddische Literatur
Für die weniger gebildeten Männer, v.a. aber Frauen, die nur am Rande in das traditionelle Bildungssystem einbezogen waren und die Sprache der Gebildeten, das Hebräische, nicht beherrschten, entstand eine umfangreiche Literatur in "Weiberdeutsch" - wie das Jiddische nicht selten abfällig genannt wurde. Ein gutes Beispiel ist die "Zenne Renne", eine Sammlung von volkstümlichen, frei ausgeschmückten Bibelübertragungen, die mit Erläuterungen versehen sind. In den folgenden Jahrhunderten war die "Zenne Renne" das grundlegende Erziehungs- und Bildungsbuch der jüdischen Frau. Es entstanden auch sogenannte Tchines , persönliche Bittgebete für Frauen. Einige wurden sogar von Frauen verfasst.

3. Die postklassische neujiddische Phase

Diese Phase beschreibt die Zeit nach 1914. Sie ist gekennzeichnet durch Kriege, Migrationbewegungen, Revolutionen und Verfolgungen aller Art. Zahlreiche Schriftsteller verließen Deutschland und flüchteten in die Vereinigten Staaten oder nach Westeuropa. Ein Lyriker der postklassischen neujiddischen Phase ist Abraham Reisen, der durch seine Gedichte und gefühlvollen Erzählungen über die Armut während seiner Jugend berühmt geworden ist. Als ein weiterer wichtiger Vertreter gilt Schalom Asch, der durch seine Romane über das Christentum auch bei nichtjüdischen Lesern bekannt wurde.
Der amerikanische Schriftsteller Isaac Bashevis Singer (1904-1991) erhielt 1978 den Nobelpreis für Literatur.

verfasst von: Arlett Großmann/Carolin Pfütze


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