StartseiteGeschichteRegionalesNS-Verfolgung

Mit seinem Machtantritt im Januar 1933 hatte Adolf Hitler den entscheidenden Schritt vollzogen, der es ihm ermöglichte, seinen Hass gegen die Juden und andere Randgruppen in die Tat umzusetzen. In meinen Ausführungen möchte ich mich besonders auf das Schicksal sächsischer Juden konzentrieren.

Schon 1933 begann die Diskriminierung der Juden landesweit. Die Reichskristallnacht im Februar 1938 verschärfte die Situation noch einmal deutlich. Die meisten Häuser und Straßenzüge wurden im Laufe der Zeit arisiert.

Die Dresdner Schloßstraße -

Juden, die noch in "arischen" Wohnungen lebten, mussten oftmals innerhalb weniger Stunden räumen und in sogenannte Judenhäuser oder Judenghettos ziehen. Die Wohnungsnot unter den Juden nahm deshalb immer mehr zu. Die Beschränkungen sind Mitte 1938 verstärkt worden. Im Sommer mussten jüdische Mitbewohner in Dresden um acht im Haus sein, im Winter schon um sieben. Es folgten tägliche Kontrollen durch die Gestapo. Auch Hauskontrollen wurden immer häufiger. Normalerweise mussten alle jüdischen Mitbewohner auf dem Flur antreten, oft wurden sie beschimpft, Kofferweise schleppte die SS das (wenige) Hab und Gut weg und hinterließ ein Bild der Verwüstung in den Wohnungen. Dem Apotheker Max Sternberg z. B. wurde bei einer Hausdurchsuchung von der Gestapo zugerufen: "Warum hängt ihr euch nicht auf?", und man zeigte ihm, wie eine Schlinge gemacht wird.

Seit dem Beginn des Jahres 1939 war es Pflicht, dass alle Jüdinnen den Vornamen "Sara" trugen. In der Öffentlichkeit waren Juden seit dem 19.September 1939 überall in Deutschland durch den gelben Stern zu erkennen. Alltägliche Dinge wurden immer häufiger verboten, wie im Schreiben vom August 1940, in dem es heißt: "Der Herr Regierungspräsident zu Bautzen-Dresden hat [...] den Juden das Betreten des Königsufers in Dresden verboten. Dieses Verbot ist [...] auf alle städtischen öffentlichen Gartenanlagen erweitert."

Ab 1941 erfolgte das deutschlandweite Arbeitsverbot für Juden. Eine Ausnahme stellte Willy Katz (1878-1947) dar. Er war der einzige jüdische Arzt, der während des Krieges in Dresden zugelassen war.

Victor Klemperer sagt bei dessen Beerdigung: "Es war eine fürchterliche Arbeit, denn hinter ihm stand immer wieder die teuflische Gestapo. [...] Um jeden einzelnen Patienten musste er ringen. Dabei wurde er trotz seines vorbildlichen Mühens um die armen, verzweifelten Menschen, für die er sorgte und für die er sein Möglichstes tat, oft gar noch verdächtigt und beschuldigt, nicht alles getan zu haben, was er hätte tun können... Er hat dabei oft genug sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt. Ich werde ihm das für Zeit und Ewigkeit niemals vergessen."

Dr. Willi Katz - (1878-1947)

Auf Anordnung der zuständigen Aufsichtsbehörde in Dresden wurde 1942 bekannt: "[...], dass Juden Blumen aus besonderen Anlässen kaufen. Ein solcher Ankauf hat in jedem Fall zu unterbleiben, da Blumen Mangelware sind." Auch das Kaufen von Speiseeis wurden ihnen unter anderem verboten.

Die Hauptverantwortung für die sächsischen Juden hatte 1942 Oberregierungsrat Klein. In Dresden gab es zur damaligen Zeit noch 985 Juden, welche in die Hände des SS-Obersturmführers und Kriminalkommissars der Gestapo Henry Schmidt fielen. Es kam in dieser Phase der Gewalt zur Verschleppung vieler Juden nach Riga, wo die meisten von ihnen starben. Erzählungen nach wurden sie in Viehwaggons bei minus 20°C zusammengepfercht und abtransportiert. Viele von ihnen überlebten diese Transporte nicht. Die Diskriminierung nahm immer weiter zu. Im Sommer 1942 mussten einige ältere Juden bei warmen Temperaturen Wintermäntel tragen und stundenlang zu Fuß durch Dresden laufen. In gewissen Zeitabständen wurden sie mehrmals täglich dazu verpflichtet, sich bei verschiedenen Staatspolizeistellen zu melden. Es folgten oft Verhöre und Schikanen, die Geständnisse erdachter Straftaten erzwingen sollten. Häufig zog das die Einlieferung in ein Konzentrationslager (KZ) nach sich.

Einige der Juden, wie zum Beispiel Wanda Kohn, begingen Selbstmord. Ihre Nichte begleitete sie damals und sie sagte dazu: "Sie wollte sich das Leben nehmen und ich begleitete sie auf dem Weg. [...] Wir gingen in der Abenddämmerung an die Elbe, [...] Wir verabschiedeten uns, sie ging hinein. Man geht nur einmal, so etwas macht man nur einmal, das vergisst man nie." In Leipzig gab es einen besonders "fleißigen" Naziführer. Er sorgte sich darum, dass auch der letzte Jude zum Transport kam und bereitete die Übernahmen des Nachlasses vor.

Ältere Juden kamen in das Konzentrationslager Theresienstadt, das auch als Altersghetto bezeichnet wird. Jeder nach Theresienstadt Deportierte erhielt eine Urkunde über die Beschlagnahmung seines Besitzes. Dies wurde mit der angeblichen Staatsfeindlichkeit der Juden begründet. Die Lebensbedingungen waren so schlecht, dass die älteren Ghettoinsassen keine großen Überlebenschancen hatten. Viele Leute wurden getäuscht, indem man ihnen glaubhaft machte, dass sie mit Geldabgaben sich einen Platz im Altersheim sichern würden, und gaben hohe Summen aus. Für sie waren solche Leute, wie Kommissar Schmidt, deutsche Amtspersonen, auf die man sich hundertprozentig verlassen konnte.

Im Zeitraum vom 1.Juli 1942 bis zum 11. Januar 1944 erfolgten allein in Dresden 10 Transporte mit insgesamt 375 Juden nach Theresienstadt. 248 von ihnen starben dort. Von den Verbliebenen wurden 62 nach Auschwitz transportiert und von 39 Personen fehlt jede Spur. Insgesamt überlebten nur 26 Juden diesen Terror. Die Deportationen der Juden gingen nicht nur nach Theresienstadt. Auch in Auschwitz kamen viele von ihnen ums Leben. Einige Unterlagen aus dem Stammlager von Auschwitz enthalten Sterbeurkunden sächsischer Juden. Die bis 1943 geführten Schriften enthalten allerdings nur Namen und persönliche Angaben derer, die nicht sofort umgebracht wurden. Der letzte Transport von Dresden nach Auschwitz-Birkenau erfolgte im September 1944.

Auschwitz-Birkenau -

Mit ihm kam auch Ilse Frischmann nach Birkenau ins ehemalige Zigeunerlager. Sie selbst sagt über das KZ:

"Das Lager war schon in Auflösung begriffen, Transporte führten schon wieder von dort weg. Die Zustände waren unbeschreiblich, Schlafen auf Lattenrosten, die einzige Nahrung eine dünne Wassersuppe. [...], Appell auch bei Schnee und Kälte. Schließlich fror das Wasser ein."

Aufgrund einer Typhuserkrankung ließ man sie im Schmutz liegen, als man zu den Todesmärschen aufbrach. So wurde sie von den Russen gefunden und überlebte mit deren ärztlicher Behandlung die Grausamkeiten der vergangenen Jahre. Von ihren insgesamt 28 Familienmitgliedern überlebte nur noch ihre Mutter den Krieg.

Im Gegensatz dazu gab es auch in Sachsen einige wenige, individuelle Sympathiebekundungen für Juden. Viele davon zeigten sich in kleinen freundlichen Gesten, wie zum Beispiel dem heimlichen Zustecken von Rauchwaren oder Lebensmitteln. Es gab sogar Deutsche, die stets den persönlichen Umgang mit Juden weiterpflegten und auch ab 1942, mit dem Wissen, das eigene Leben zu riskieren, sich für die Juden einsetzten. Allerdings waren solche Menschen in verschwindend geringer Anzahl.

In Sachsen gab es eine Gruppe, genannt "Der Daumen", die sich für die Juden einsetzte. Sie hatte ihren Sitz in Plauen. In einem Schreiben an alle Deutschen heißt es: "Enthaltet Euch aller Vorwürfe gegen Juden. Im Gegenteil, weist immer und überall daraufhin, dass Juden auch Menschen sind und genau so unschuldig, wie andere Menschen. Merkt Euch die, die gegen Juden hetzen." Pater Arkenau aus Leipzig erzählt in seinem Brief vom 3. November 1977: "...Es gibt weit über hundert Menschen, die wir in Wahren vorübergehend verbergen und vor dem Zugriff der Nazis bewahren konnten. [...] Mit Hilfe eines höheren Beamten, der trotz Uniform und lautem >Heil Hitler< kein Nazi war, und eines Technikers bzw. Graphikers haben wir viele falsche Pässe und andere Ausweispapiere hergestellt. [...] Ich bin zwar zwanzigmal von der Gestapo verhört und einige Male auch geschlagen worden. Hinterher muss ich mich selber wundern, wie letzten Endes alles gut ausging..."

verfasst von Elisa Schubert


Druckbare Version