StartseitePersönlichkeitenGeschichteWalther Rathenau

Walther Rathenau ist am 29.9.1867 als Sohn des jüdischen Industriellen Emil Rathenau und seiner Frau Mathilde in Berlin geboren. Mit 17 Jahren absolvierte er sein Abitur und dient dann für ein Jahr als Freiwilliger bei den feudalen Pasewalker Kürassieren. Er war ein begeisterter Preuße, der eine überdurchschnittliche Begabung in jeglicher Hinsicht besaß. Jedoch bekam er bald zu spüren, das er aufgrund seines Glaubens einige Nachteile in Kauf nehmen musste. So konnte er beispielsweise kein Reserveoffizier werden, weil er Jude war und ihm die Taufe fehlte.

Er studierte dann zügig Naturwissenschaften und Philosophie. Außerdem war er ein Verehrer von Bismarck und er schätzte das Preußische Junkertum. Rathenau setzte sich mit dem Glauben seiner Eltern auseinander. Seine Absicht war es eine Ordnung zu verbreiten, die sich von Sozialismus und Kapitalismus entfernt und eher einer Gemeinwirtschaft gleicht, in der die "Erbknechtschaft" der Unterschichten beseitigt wird. Der Arbeiterschaft, der es bis dahin nicht gut gegangen war, versuchte er somit an den Staat heranzuführen. Schon seit 1900 kannte er den Kaiser persönlich. Mit der Leitung der Berliner Handelsgesellschaft (1902) stand er unmittelbar am Hebel des deutschen, industriellen Finanzkapitals. Rathenau war nicht nur ein begnadeter Industrieller, auch als Schriftsteller war er tätig

So veröffentlichte er 1897 die Schrift "Höre Israel", in der er die Jüdische Bevölkerung Deutschlands zur Assimilation auffordert. 1912 erschien seine Schrift "Kritik zur Zeit", in der er den preußisch bestimmten "Mutmenschen" dem "Furcht- und Zweckmenschen überordnet.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges weist er auf die Notwendigkeit der organisierten Rohstoffverteilung hin. Als Leiter der Kriegsrohstoffabteilung nimmt er die deutsche Kriegswirtschaft in die Hand. 1915 wurde er Nachfolger seines Vaters als Präsident der AEG. Im Jahre 1916 erklärte er angesichts antijüdischer Regungen:" Meine Vorfahren haben sich von deutschem Boden und deutschem Geist genährt, und wir haben unserem deutschen Volk erstattet, was in unseren Kräfte stand. Mein Vater und ich haben keinen Gedanken gehabt, der nicht für Deutschland und deutsch war." Ihm schienen Republik und Demokratie als unumgänglich, deshalb trat er auch der Demokratischen Partei bei.

1920 wurde er Mitglied der Sozialisierungskommission Doch spürten alle Berufspolitiker um ihn herum, dass der Mann mit seinen Ideen eigentlich gar nicht zu ihnen gehörte. Im Mai 1921 tritt er in das Kabinett Wirth als Wiederaufbauminister ein und gibt alle Ämter in der Wirtschaft auf. Gemeinsam mit Erzberger plädiert er für eine "Erfüllungspolitik", um die Undurchführbarkeit des Versailler Vertrags zu beweisen. Schon zu dieser Zeit griffen ihn Rechtsradikale und Nationalisten mit dem gemeinen Lied an: "Auch R., der Walther, erreicht kein hohes Alter, knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau".

Am 31.1.1922 wurde er Reichsaußenminister im zweiten Kabinett Wirth. Aber Rathenau war längst ein Gezeichneter. Auf ihm lag der Schatten seiner Hasser. Dennoch war er in den wenigen Monaten seines Wirkens ein kluger und würdiger Vertreter der Interessen des Volkes. Willy Brandt sagte einmal, dass er zu einen derjenigen zählt, die in der Welt sehr geachtet wurden und auch immer geachtet werden. Seine Freude am Schönen wurde den Gegnern als "typisch jüdisch" angeprangert.
Am 24.6.1922 erschütterte die deutsche und internationale Öffentlichkeit die Nachricht, dass W. Rathenau auf dem Weg zum Dienst in die Wilhelmstraße in der Villenkolonie Grunewald auf offener Straße durch Schüsse aus einer Maschinenpistole und die Detonation einer Handgranate ermordet wurde. Dieses Attentat verübten drei junge Mitglieder der geheimen rechtsextremistisch-terroristischen "Organisation Consul", ehemalige Offiziere und Kapp-Putschisten. Dieser Mord wurde mit Recht als Anschlag auf die Weimarer Republik empfunden. Daraufhin veranlasste Reichspräsident Ebert eine Verordnung zum Schutz der Republik.

Erst durch seine Ermordung gelangte Rathenau zu Anerkennung. Die große Betroffenheit über sein Schicksal erklärt sich nicht allein aus seinen politischen Wirken. Fast alle Attribute, die eine herausragende, vielseitige und faszinierende Persönlichkeit auszeichnen, hat man ihm zugesprochen: "Genie", "Idealist", "talentvollster Kopf seiner Epoche"...
Sein Lebenswerk hat eine breite äußere Fläche und eine unterirdische unsichtbare Kraft, viele Ausstrahlungen im Realen und in der geistigen deutschen Welt. Walther Rathenau, der Mann mit vielen Eigenschaften, der Industriemanager, der Philosoph, der Soldat, der Politiker und der Repräsentant der deutsch- jüdischen Symbiose ist eine Symbolfigur der deutschen Geschichte. Trotz alledem wurde er mal mehr und mal weniger scharf kritisiert. Er war sicherlich ein zutiefst widersprüchlicher Mensch. So war er reich, forderte aber die Abschaffung ererbten Reichtums; er war einsam und pessimistisch, aber verbreitete Zukunftsoptimismus; er war gegen den Krieg, organisierte dennoch die Rohstoffversorgung im Krieg; er bejahte den Kolonialgedanken, aber engagierte sich für demokratischen und sozialen Fortschritt. Bei aller Widersprüchlichkeit ist es besonders die Vielfalt und Komplexität in seinem Denken und Wirken, die uns erstaunen lässt.

verfasst von: Ines Naber


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