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Anekdoten über Liebermann und seine scharfe Zunge

Ein Kollege untersuchte sehr genau eine Zeichnung Liebermanns und fragte, wie er technisch gearbeitet hätte, ob er mit einem harten oder weichen Bleistift zeichne. [Dieser] antwortete: "Mit Talent."

Zu einem Porträtmodell, das mit der Ähnlichkeit nicht recht zufrieden war, soll [er] gesagt haben: "Wissen Sie, ich habe Sie ähnlicher gemacht, als Sie sind."

Liebermann über den Nutzen der Kunsthistoriker: "Die sind gar nicht so überflüssig. Wenn die nicht wären, wer sollte uns Künstlern wohl nach unserm Tod unsere schlechten Bilder für unecht erklären!"



Der Lauf eines langen Lebens

Max Liebermann stammte aus dem preußischen Großbürgertum. Seine nach Berlin eingewanderte jüdische Familie hatte durch Handel eine führende gesellschaftliche Stellung errungen. Der Vater Louis Liebermann war Fabrikant, die Mutter Phillipine, kam aus einer Juweliersfamilie. In diese sicheren sozialen Verhältnisse wurde am 20.Juli 1847 ihr Sohn Max hinein- geboren. Obwohl der Junge in einer Zeit großer Unruhen aufwuchs (1848 Bürgerlich - Demokratische Revolution, Industrielle Revolution in Deutschland, 1864 Deutsch - Dänischer Krieg, 1866 "Bruderkrieg" zwischen Österreich und Preußen), erlebte er durch den elterlichen Wohlstand eine relativ unbeschwerte Kindheit und Jugend. Schon während der Schulzeit bekam Max Zeichenunterricht von dem angesehenen Maler Carl Steffeck.

Max Liebermann - in seinem Berliner Atelier

Nachdem der Junge das Abitur mit Mühe bestanden hatte, besuchte er auf Wunsch des Vaters für zwei Semester die Philosophische Fakultät an der Universität Berlin. Doch während dieser Zeit ging er nie zu Vorlesungen und interessierte sich auch sonst nicht für das Studium. Er ritt lieber aus oder arbeitete als Gehilfe im Atelier von Steffeck mit.
Der eigensinnige Max wollte sich von seinem Vater in keine bürgerliche Position drängen lassen, er hatte den Wunsch Künstler zu werden. So siedelte er 1868 nach Weimar über, um dort an der Kunstschule "ordentlich" das Handwerk des Malens zu erlernen. In dieser Zeit erkannte er, dass sein eigentliches Vorbild die Natur war. Auch machte er 1871 einen ersten Exkurs nach Holland, das Land, in welches er im Laufe seines Lebens noch oft zurückkehrte, und wo er immer wieder künstlerischen Antrieb fand.

Sich nun der wirklichkeitsnahen Kunst widmend, debütierte der junge Maler im Herbst des nächsten Jahres mit dem Bild "Die Gänserupferinnen", welches angesichts seiner "Häßlichkeit" die Berliner Öffentlichkeit entsetzte. Denn mit der Bestrebung den arbeitenden Menschen in der dazugehörigen Umgebung zu malen, stand Liebermann ganz im Gegensatz zur offiziellen Kunstauffassung, welche zu Repräsentation und Pathos neigte.

Nach fünf Jahren in Weimar ging der Künstler für einige Zeit nach Paris. Nicht das mondäne Leben lockte ihn, sondern der Pariser Salon, in dessen Rahmen er seine Bilder ausstellen und Anerkennung ernten wollte. Dies gelang ihm auch. Als erster Deutscher nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 konnte er französischen Beifall für sich quittieren. Doch in seiner Heimat kam wenig Begeisterung auf, Nationalisten warfen ihm moralisches Überläufertum und Vaterlandslosigkeit vor.

1878 verließ Max Liebermann Paris und lernte in Venedig Münchner Maler kennen, die ihn überredeten, in die deutsche Kunstmetropole an der Isar überzusiedeln. Dort geriet der junge Künstler in einen Strudel von Auseinandersetzungen. Der unermüdlich und hart Arbeitende hatte sein Werk "Christus im Tempel" sorgfältig vorbereitet und wollte damit den Durchbruch bewirken; er endete in einem Skandal. Die Wahl eines anderen künstlerischen Weges, wie es schon immer seine Eigenart war, kam im konservativen München einer Auflehnung gleich. Ein Andersgläubiger hatte es "gewagt", aus seiner Sicht eine Szene aus dem Leben Christi zu malen. Man nannte den gemalten Christus "den häßlichsten, naseweisesten Judenjungen, den man sich denken kann" und die Rabbiner "ein Pack der schmierigsten Schacherjuden". Die Empörung über das Bild gipfelte in einer Debatte im Bayerischen Landtag. Liebermann fühlte sich missverstanden und bearbeitete nie wieder ein Thema aus dem Neuen Testament.

1884 beendete der 37jährige seine Studien- und Wanderjahre und kehrte in seine Geburtsstadt zurück. In Berlin heiratete er Martha Marckwald, mit welcher er kurz darauf seine einzige Tochter Käthe bekam. Ab 1892 lebte die Familie neben dem Brandenburger Tor, in einem noblen Wohnhaus, welches der Vater erworben hatte. Dort am Pariser Platz saß Liebermann nun oft in geselliger Runde mit seinen Künstlerfreunden, wobei seine stadtbekannten Witze entsprungen sind. Später schrieb er über sein Leben in gehobener Klasse: "Ich bin in meinen Lebensgewohnheiten der vollkommenste Bourgeois, ich esse, trinke, schlafe, gehe spazieren und arbeite mit der Regelmäßigkeit einer Turmuhr. Ich wohne in dem Hause meiner Eltern, wo ich meine Kindheit verlebt habe, und es würde mir schwer werden, wenn ich woanders wohnen sollte."

Ab 1899 war der Impressionist Max Liebermann Präsident der "Berliner Secession". Diese Vereinigung sah sich als Gegenpol zur verstaubten kaiserlichen Kunstpolitik, welche kaum neue Kunstströmungen zulassen wollte. Unter seiner zwölfjährigen Führung erhielt die Secession eine überragende Stellung im deutschen Kulturraum.
Einen Ausgleich zum Stadtleben und den immer beschwerlicher werdenden Hollandreisen suchend, erwarb der nun schon 62jährige ein Gartengrundstück am Wannsee, welches er zu seinem Sommersitz machte. Der bisher vom Vater finanziell Abhängige war stolz dieses Haus nicht ererbt, sondern selber "ermalt" zu haben. In dieser Idylle entstanden viele Familien- und Gartenbilder.

Im Laufe seines weiteren Lebens setzte sich der Künstler Max Liebermann in der Öffentlichkeit immer weiter durch und bekam viele internationale Auszeichnungen (z.B. Präsident der deutschen Akademie der Künste). Weiterhin wurde er zum gefragtesten Porträtisten. Seine Auftraggeber waren bekannte Leute, wie Großadmiral von Tirpitz oder Reichspräsident von Hindenburg.

Während des Ersten Weltkrieges zog sich der vom "allzu üppig wuchernden Materialismus" Abgestoßene zunehmend in seine Gartenidylle zurück. Auch das Kriegsende und die Novemberrevolution 1918 hinterließen in seinen Werken keine Spuren, obwohl er durch Lebensmittelnot und Kämpfen direkt vor seinem Haus betroffen war.

Die künstlerische Produktivität, die Liebermann trotz seines Alters bis dahin immer noch gezeigt hatte, nahm ab ca.1930 spürbar ab. Einerseits aufgrund seines fortschreitenden Gebrechens und andererseits wegen zunehmender faschistischer Angriffe gegen "den Juden" Liebermann. Nur wenige Kollegen, wie z.B. Oskar Kokoschka hielten in dieser Situation zu ihm, machten ihm Mut. Im Jahr von Hitlers Machtergreifung, 1933, wurde dem Künstler Arbeitsverbot erteilt. Der ewig Kämpfende gab auf. Resignierend und isoliert lebte Max Liebermann noch zwei Jahre und starb schließlich mit 87 Jahren am 8.Februar 1935 in seinem Haus am Pariser Platz.

Seine Frau Martha musste zwei Jahre später miterleben wie die Werke ihres Mannes durch die Aktion "Entartete Kunst" in fast allen deutschen Museen entfernt, zum Teil vernichtet oder später verstreut wurden. Nachdem sie im März 1943 den Bescheid zum Abtransport nach Theresienstadt erhalten hatte, wollte auch sie nicht mehr leben und beging Selbstmord. Ein Jahr früher, 1942, fand in der Nähe des geliebten Gartenidylls ihres Mannes die Wannsee-Konferenz statt.

Liebermanns Verhältnis zum Judentum

Max Liebermann sagte einmal: "Zwar gibt es nur Kunst schlechthin; sie kennt weder religiöse noch politische Grenzen. Was anderes aber sind die Künstler, die sowohl durch ihr Vaterland wie ihre Religion miteinander verbunden sind. Und wenn ich mich durch mein ganzes Leben als Deutscher gefühlt habe, es war meine Zugehörigkeit zum Judentum nicht minder stark in mir lebendig." Aus diesem Zitat, so denke ich, kann man erkennen, dass seine Identitäten "als Deutscher", "als Jude" und "als Künstler" relativ gleichrangig für Max Liebermann waren.

Der "treu dem Glauben der Väter, in der jüdischen Religion" Erzogene vergaß nie seine Herkunft und betonte immer "sein" Judentum, obwohl er größtenteils jüdischen Institutionen fernblieb.

Während seiner Besuche in Holland hielt sich Liebermann auch oft im Amsterdamer Judenviertel auf. Dort beobachtete er vom Fenster eines gemieteten Zimmers oder von einem Laden aus das Treiben auf den Straßen. Er studierte die Menschen mit ihren Lebensgewohnheiten und malte sie. So ist auch sein Werk "Judengasse in Amsterdam" entstanden. Außerdem soll der Pinselstrich in den wenigen seiner Bilder, die die Judengasse als Thema haben, temperamentvoller und die Farben leuchtender sein. Dies beweist, dass er sich mit seiner Abstammung beschäftigte und das Judentum vielleicht mit besonderen Augen sah. Ich denke, Max Liebermann hatte, trotz dass er sich nicht als streng gläubiger Jude verstand, ein tiefes Bewusstsein über seine religiöse Verwurzelung.

verfasst von: Anne Bieberstein


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