StartseitePersönlichkeitenWirtschaftBerthold Kempinski

Die Luxushotelgruppe Kempinski blickt auf eine lange Geschäftstradition zurück. Das 1897 gegründete Unternehmen Kempinski ist die älteste Luxushotelgruppe Europas. Heute zählen die auf der ganzen Welt zu findenden hochklassigen Häuser zu den exklusivsten Adressen. In Deutschland ist das Hotel Adlon in Berlin das bekannteste Kempinski Hotel, ein 5 Sterne Hotel der Extraklasse.
Wie kam es dazu? Wie hat es die Familie Kempinski geschafft, so viele Jahre erfolgreich zu sein? Mit der Historie der Familie ist die Formulierung „Geschichte der Gastlichkeit“ eng verbunden. Berthold Kempinski legte den Grundstein des Unternehmens und trug entscheidend dazu bei, dass der Name Kempinski weltweites Ansehen erlang. Er entwickelte besondere Konzepte. Seine Kundenfreundlichkeit ermöglichte zahlreichen Gästen angenehme und erlebnisreiche Aufenthalte in seinen Restaurants und Lokalen.

Berthold Kempinski - Foto: Hotel Adlon Kempinski Berlin


Elternhaus, Kindheit und Jugend

Berthold Kempinski war ein deutscher Weinhändler und Gastronom. Er wurde am 10. Oktober 1843 in Raschkow in Posen (heute Polen) geboren und starb am 14. März 1910 vermutlich an Arteriosklerose in Berlin. Sein Ehrengrab findet man heute auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin Weißensee.

Grab von Berthold Kempinski (1843-1910) - auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee (Ausschnitt) - SpreeTom - eigenes Werk


Die Familie Kempinski gehörte zum aufstrebenden jüdischen Bürgertum. Berthold Kempinskis Vater besaß eine Weinhandlung, die der älteste Sohn, Bertholds Bruder Moritz, übernehmen sollte. Die Geschichte der Familie Kempinski beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts in Posen. Posen war zu der damaligen Zeit die Provinz des preußischen Königreichs mit der höchsten jüdischen Bevölkerungsdichte. Der Name der jüdischen Familie Kempinski bezieht sich auf Kempen, polnisch Kepno, in der Provinz Posen. Viele Juden bedienten sich der alten jüdischen Tradition, sich nach dem Herkunftsort, im Fall der Familie Kempinski der Ort Kempen, zu nennen. Neben den Juden gab es in Kempen auch evangelische Christen. Die Familie entschied sich vermutlich deshalb für eine deutsch-polnische Namensvariante.

Die Juden hatten damals nur eingeschränkte staatsbürgerliche Rechte und nur geringe gesellschaftliche Aufstiegschancen. Dies veranlasste viele Juden, nach Übersee oder Richtung Westen über Breslau nach Berlin auszuwandern.
Von Kempen zog die Familie in die Kleinstadt Raschkow. In dieser Stadt war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde entstanden. Seit 1837 predigte ein Rabbiner. In Raschkow wuchsen die Brüder Berthold und Moritz Kempinski auf. Berthold Kempinski besuchte das katholische Gymnasium in Ostrowo und erlangte das Abitur.

Die Anfänge des Unternehmens Kempinski

Berthold Kempinski fuhr anfangs als Weinreisender mit einem kleinen Wagen durch seine Heimat und verkaufte ungarische Weine. Seine besten Kunden sollen Gutsbesitzer und Pfarrer gewesen sein. Die beiden Brüder gingen zunächst einen gemeinsamen geschäftlichen Weg. Berthold und Moritz Kempinski entschieden sich zunächst in Breslau zu bleiben. Beide gründeten im Jahr 1862 eine Weinhandlung und legten damit den ersten Grundstein für das Unternehmen Kempinski. Das Geschäft expandierte rasch und erlangte zunehmend internationales Ansehen.

Kempinski - ein Synonym für Gastfreundlichkeit

Während sein Bruder die Geschäfte in Breslau weiterführte, zog Berthold Kempinski mit seiner Ehefrau Helene 1872 nach Berlin. Das Ehepaar eröffnete 1873 in der Friedrichstraße eine Weinhandlung mit einem kleinen Geschäftslokal und legten den zweiten Grundstein des Familienunternehmens. Angeboten wurde ein kleiner Imbiss aus soliden Speisen und Wein, später exklusivere Gerichte. Attraktionen des Restaurants waren neben der vielfältigen Weinauswahl zu günstigen Preisen auch angebotene Saisondelikatessen (z.B. Austern, Krebse). Eine bei den Kunden sehr beliebte Neuerung war das für 1 Mark 25 Pfennig erhältliche Tagesmenü. Das besondere Angebot, halbe Portionen zum halben Preis (zunächst 75 Pfennig, später 85 Pfennig), lockte zahlreiche Kunden an. Berthold Kempinskis besondere Geschäftstätigkeit und sein großer Erfinderreichtum ermöglichte vielen Menschen unterschiedlicher sozialer Stellung Zugang zu seinen Restaurants.

1889 eröffnete das Ehepaar in der Leipziger Straße in Berlin ein sehr weitläufiges Restaurant mit zahlreichen und im exklusiven Stil eingerichteten Sälen. Es war das größte Restaurant seiner Art in Berlin. Zur Einweihung des Königssaals erschien Kaiser Wilhelm persönlich.
Das Ehepaar Kempinski war nicht nur innovativ und vorausschauend, sie handelten auch in großem Interesse ihrer Kundschaft und boten ihren Gästen ein hohes Niveau. Berthold Kempinski glaubte an die Idee der „Sozialisierung des Luxus“. An manchen Tagen kamen bis zu 10.000 Gäste aller sozialen Schichten.
1897 wurde durch den Bankier Leopold Koppel die eigentliche Hotelkette M. Kempinski @ CO GmbH gegründet. Berühmte Cafes der gehobenen Kategorie wie „Cafe Kranzler“ und „Cafe Bauer“ gehörten dem Konzern an.

Über das Leben als Jude ist bekannt, dass das Ehepaar Kempinski die liberale Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin besuchte. In wieweit die jüdische Religion das Wirken von Berthold Kempinski beeinflusste, ist nicht klar beschrieben.

Helene und Berthold Kempinskis großes Anliegen war es, dass ihr Geschäft in den Händen ihrer Familie bleibt. Das Ehepaar hatte keinen Sohn, nur eine Tochter Frieda. Das Geschäft wurde 1900 an den Schwiegersohn, den Bankier Richard Unger, und einen Neffen, Hans Kempinski, übergeben. Berthold Kempinski hatte schon in den letzten Lebensjahren weitgehend die Geschäftsleitung an seinen Schwiegersohn und seinen Neffen übertragen.

Ab 1909 hatten die Angestellten nach einjähriger Zugehörigkeit Urlaub, zunächst für 8 Tage, später 4 Wochen. Die übliche Arbeitszeit betrug 14-18 Stunden. Die Vergütung mit einem Grundgehalt und die Verköstigung war im Unternehmen üblich.

Die Zeit nach dem Tod von Berthold Kempinski

Auch nach Berthold Kempinskis Tod erarbeitete die Familie Wohlstand und Ansehen und war gesellschaftlich sehr engagiert. Das Unternehmen betrieb Lebensmittelhandel, eine sehr große Produktpalette konnte zum Beispiel per Katalog bestellt werden, und weitete den Restaurantbetrieb aus. 1926 kaufte Richard Unger das Grundstück am Kurfürstendamm und eröffnete ein großes Weinrestaurant (30 Köche, 2000 Gäste, Delikatessenladen). Heute ist dort ein Kempinski Hotel zu finden. 1928 übernahm die Familie Kempinski die Geschäftsleitung des Kaffeehauses „Haus Vaterland“.

- Weinhaus Kempinski Berlin Cadiner Saal (1910)


- "Haus Vaterland" am Potsdamer Platz, 1928


Die nationalsozialistische Herrschaft beendete zunächst den Erfolg der Familie Kempinski. Das Unternehmen wurde zerschlagen und im Jahr 1937 „arisiert“. Die Eigentümer Unger und Kempinski mussten ihre Anteile deutlich unter Wert verkaufen. Die neuen Besitzer konnten nach dem günstigen Erwerb der Firma mit Bankdarlehen wieder ein florierendes Unternehmen aufbauen.

Viele Angehörige der Familie erlebten Verfolgung und Holocaust. Das NS-Regime begründete die Arisierung ökonomisch und rassenideologisch. Alles Vermögen sei „Volksvermögen“ und die Juden gehörten nicht mehr zur Volksgemeinschaft. Auch Richard Unger, seine Frau und ihr gemeinsamer Sohn Friedrich emigrierten nach Amerika. Der letzte in Deutschland gebliebene Familienangehörige, Walter Unger, hatte bis zuletzt gekämpft und musste sein Engagement mit dem Leben bezahlen. 1944 wurde er in Auschwitz ermordet.
Nach der Arisierung durch die Nazis musste das Firmenlogo geändert werden. Der Kempinski-Turm mit stilisiertem Stern wurde durch Weintrauben (sog. „Hitlertraube“) ersetzt.

Firmenlogoänderung nach der Arisierung - Zeichnung - Eva O.


Kurz vor Kriegsende wurde das Restaurant am Kurfürstendamm durch ein Feuer völlig zerstört. 1950 kehrte der Enkelsohn von Berthold Kempinski, Friedrich Unger, aus den USA zurück. Er bekam das Grundstück wieder, durfte aber kein Weinlokal errichten. 1952 eröffnete er ein Hotel Kempinski am Kurfürstendamm in Berlin.

gestaltet von Lisa O. im Schuljahr 2019/2020


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