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Prof. Dr. Bernd Sösemanns über Rudolf Mosse
"Er hat sowohl im Bereich der Presse, des Journalismus, des Verlegertums, als auch der demokratischen und liberalen Politik mit der Unterstützung der entsprechenden Deutschen Demokratischen Partei nach 1918 auch viel beigetragen zur freiheitlichen politischen Kultur in der Weimarer Republik." (anlässlich der Enthüllung einer "Berliner Gedenktafel" am 09.05.1989)

Rudolf Mosse - Berlin 1900


Rudolf Mosse war ein bedeutsamer deutsch-jüdischer Verleger und Verlagsgründer. Seit den 1870er Jahren wirkte er erfolgreich und innovativ als einer der bedeutendsten Berliner Zeitungsverleger und war ein Akteur der Berliner Wirtschaftselite im Kaiserreich. Mit der Verbindung von kaufmännischem Instinkt und scharfem Kalkül mit schöpferischer Initiative und Durchsetzungsvermögen erweiterte er seine Anzeigenexpedition zum Presseimperium des Mosse-Verlags. Für sein soziales Engagement wurde Mosse zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Grätz ernannt.

Trotz seiner kaisertreuen und liberal-konservativ Einstellung und der Imitation adliger Lebens- und Repräsentationsformen stellte Mosse die alten Machteliten zugunsten einer bürgerlich-liberalen Gesellschaftsentwicklung in Frage.

Familie

Neben Rudolf Mosse selbst hatten seine Eltern Marcus und Ulrike Mosse noch weitere 13 Kinder, sieben Söhne und sechs Töchter. Die Familie stammte aus Grätz in Posen, Preußen. Der als Arzt tätige Vater war Anhänger des liberalen Judentums mit dem Streben nach rechtlicher Gleichstellung mit preußischen Bürgern und Emanzipation. Um seinen Assimilierungswillen zu zeigen, wurde der ursprüngliche Familienname Moses zu Mosse umgeändert. Dennoch wurden die jüdische Kultur und Tradition beibehalten.

1874 heiratete Rudolf Mosse Emilie Loewenstein. Die Paar hatte keine gemeinsamen Kinder, adoptierte jedoch Mosses leibliche Tochter Erna Felicia aus einer anderen Beziehung.

Grab von Rudolf Mosse - auf dem Jüdischer Friedhof Berlin-Weißensee; Ehrengrab (Foto: Z. Thomas, 2016)


Prof. Dr. Bernd Sösemanns anlässlich der Enthüllun

Mosse-Verlag

Der Mosse-Verlag bestand aus einer Zeitungs-Annoncen-Expedition, welche die Gestaltung von Anzeigen in Zeitschriften vornahm, und einem Zeitungs- und Zeitschriftenverlag. Dort wurden insgesamt 130 verschiedene Blätter herausgegeben, darunter das Berliner Tageblatt (seit 1871), die Berliner Morgen-Zeitung (1889), die Allgemeine Zeitung des Judentums (1890) und die Berliner Volks-Zeitung (1904). Ebenfalls veröffentlicht wurden populärwissenschaftliche Werke sowie Adress- und Telefonbücher.

Das Berliner Tageblatt erlangte als größte liberale Zeitung Deutschlands große Bedeutung und wurde zum Teil als „deutsches Weltblatt“ bezeichnet. Die Leserschaft bestand größtenteils aus dem progressiv denkenden Bürgertum und konnte sich im Berliner Tageblatt unter anderem über Themen wie die Trennung von Staat und Kirche, den Freihandel, die parlamentarische Republik und während des Ersten Weltkrieges über einen europäischen Verständigungsfrieden informieren.

Der Mosse-Verlag verdrängte schnell die führenden englischen Annoncenagenturen. Mosse selbst kann als „Vater der Sensationspresse“ angesehen werden, da er als Erstes Sonderkorrespondenten an Brennpunkten des politischen Geschehens schickte und einen eigenen Depeschendienst aufbaute.

Oft gab es Kritik an Mosses Geschäftsverhalten, so wurden ihm beispielsweise rücksichtsloses Expansionsstreben, Machtmissbrauch, wettbewerbsverzerrende Praktiken und unerlaubte Einflussnahme auf Zeitungsinhalte vorgeworfen. Teils waren diese Anschuldigungen berechtigt, es gab jedoch auch antisemitisch motivierte Behauptungen.

In den 1920er Jahren war der Mosse-Verlag eines der größten Presseimperien Deutschlands mit einem weitgespannten weltweiten Netz von 275 Zweig- und Geschäftsstellen. Somit prägte es während der Weimarer Republik maßgeblich die demokratische Öffentlichkeit.
Nach dem Tod Rudolf Mosses im Jahr 1920 übernahm H. Lachmann-Mosse, sein Schwiegersohn, die Geschäftsleitung, ebenso führte er die wohltätigen Aktivitäten der Familie weiter.
1933 wurde das Unternehmen durch die Nationalsozialisten zwangsenteignet.

Gebäude

Aufgrund des erwirtschafteten Vermögens besaß Rudolf Mosse mehrere Grundstücke und Ländereien in und um Berlin. Besonders hervorzuheben sind das Mosse-Palais und das Verlagshaus.

Das Mosse-Palais am Potsdamer Platz beinhaltet die renommierte Kunstsammlung der Familie. 1998 wurde es von einem Nachfahren der Familie wiedererrichtet.

Das Verlagshaus in der Jerusalemer Straße bzw. Schützenstraße war 1919 Schauplatz des Spartakusaufstandes im Berliner Zeitungsviertel. Erich Mendelssohn, ein Freund der Familie, entwarf nach Beschädigungen die neue Fassade.

Engagement

Mosse war nicht nur in sozialen und kulturellen Einrichtungen engagiert, sondern auch generöser Stifter von bildungsfördernden und sozialen Einrichtungen. Er gründete unter anderem eine Stiftung zum Wohl bedürftiger Kinder und verarmter Familien und finanzierte den Bau eines interkonfessionellen Waisenhauses.

Zur damaligen Zeit außergewöhnlich war ebenfalls die soziale Absicherung von Angestellten und Arbeitern im Mosse-Verlag, die sogenannte Pensionskasse.

Mosses soziales Engagement lässt sich auf großbürgerliche Philanthropie, aber möglicherweise auch auf Zedaka, das jüdische Gebot der Wohltätigkeit, zurückführen.

Weiterhin war Mosse Sympathisant der DFP (Deutsche Freisinnige Partei), welche sich für den Wandel zu einer verfassungsrechtlichen Demokratie aussprach und Einrichtungen zur Ursachenbeseitigung sozialer Missstände und die Gleichstellung aller Religionsgemeinschaften forderte. Insgesamt wurde eine sozialpolitische Linie vertreten.

Die jüdische Reformgemeinde in Berlin wurde durch Mosse als Vorsitzenden gefördert und mitgestaltet.

Mosse wurde in die Berliner Handelskammer gewählt.

Berliner Gedenktafel für Rudolf Mosse - Rudolf-Mosse-Straße 9-11, Berlin-Wilmersdorf (Foto: OTFW, Berlin 2007)


Für Interessierte

Nicht nur Rudolf Mosse, sondern auch einige seine Nachfahren erlangten eine gewisse Prominenz. Um ihr Erbe zu würdigen wurden die Mosse-Lectures gegründet, ein internationales Forschungs- und Veranstaltungsprojekt. 2017 feierte es sein 20. Jubiläum.

Die Reihe „Backstories“ erzählt bemerkenswerte Objektgeschichten aus den Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin. In dieser Folge geht es um die Geschichte der Löwenskulptur von August Gaul, die aus der Sammlung von Rudolf Mosse, einem bedeutenden Mäzen der Berliner Museen, stammte.


gestaltet von Jasmin F. im Schuljahr 2019/2020


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