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Die religiöse Mündigkeit

„Ein Fünfjähriger ist reif für die Bibel, ein Zehnjähriger für die Mischna, ein Dreizehnjähriger für die Erfüllung der Gebote...“ (Sprüche der Väter 5,24)

Historischer Hintergrund / Begriffserklärung

Die Vorstellung, dass ein 13jähriger Junge religiös mündig wird, kennt das Judentum seit früher Zeit. In den Texten wird der 13 jährige "Erwachsener" und "Sohn der Pflicht" (=strafmündig) genannt.

Der Name Bar Mizwa kommt erst gegen Ende des 13. Jahrhundert auf, während die heute praktizierte Form gar erst ein Produkt des reformerischen 19. Jahrhundert ist. Sie wurde nachhaltig vom Vorbild der protestantischen "Konfirmation" beeinflusst. Die Bar Mizwa - Feier ist ungefähr im Mittelalter entstanden, geht jedoch auf viel ältere Bräuche der Juden zurück. Zum Beispiel wurde im Jerusalem des ersten Jahrhunderts der 13jährige Junge einer Familie dem Ältesten der Gemeinde vorgestellt, welcher ihn segnete und für ihn betete. Früher wurde die Bar Mizwa als Rechtsstand angesehen, welcher sich auf die körperliche Reife eines jungen Juden begründete.

Bar Mizwa -

Was erwartet den Jungen?

"Den Geboten verpflichtet!"
Das bedeutet ein jüdischer Junge wird ab seinem 13. Lebensjahr ein vollwertiges Mitglied der jüdischen Gemeinde. Er gehört nun zu den Erwachsenen, den Männern. Für ihn bricht regelrecht ein "neues Leben" an. Er darf aus der Thora vorlesen und kann mit neun anderen Männern den traditionellen Minjan (Gebetskreis) ausführen. Ab der Bar Mizwa, welche jedoch nicht unbedingt namentlich gefeiert werden muss, ist der junge Jude für sein Handeln selbst verantwortlich. Beim Morgengebet an den Wochentagen kann auch er nun den Teffilin, den Gebetsriemen, und den Tallit, den Gebetsmantel, tragen. Genauso muss er ab diesem Tag die Gesetze der Thora ausnahmslos beachten und in Ehren halten.

Wie wird gefeiert?

Der Sabbat nach dem 13. Geburtstag des Jungen ist der Tag, an dem die Bar Mizwa - Feier stattfindet. Nach monatelanger Vorbereitung nimmt er beim Synagogengottesdienst erstmals den Platz des "amtlichen" Lesers ein und darf aus der Tora vorlesen. Während des ganzen Gottesdienstes muss er das Gelernte unter Beweis stellen und somit seinen Antritt als erwachsener Jude vollziehen. Doch danach wird gemütlich und im Kreise der ganzen Familie ausgiebig gefeiert. Dazu gehören unzählige Glückwünsche für den Heranwachsenden und auch Geschenke. Oft werden noch kleine Reden von den Jugendlichen gehalten, in denen sie auf den in der Synagoge gelesenen Toraabschnitt nochmals eingehen.

Berichte verschiedener Bar Mizwa - Feierlichkeiten

"An seinem 13. Geburtstag wurde jeder Knabe unter der Verpflichtung, die Religionsgesetze zu beachten, als gleichwertiges Mitglied in die jüdische Gemeinde aufgenommen. Diesem Tag ging eine monatelange Unterweisung in der Ausübung des jüdischen Gesetzes voraus. Gleichfalls wurde er in der kantilenengerechten Verlesung einer oder mehrerer Abschnitte der an dem seinem Geburtstag folgenden Schabbath fälligen Perikope vorbereitet. Dieses im Leben des jungen Menschen einschneidende Ereignis, Bar Mizwa genannt, wurde von der Familie und Gemeinde gebührend gefeiert, da er nun als ein Garant für den Fortbestand betrachtet wurde. Zu Hause waren schon Tische gedeckt mit Gebäck, Konfekt, Obst und Likör, und man erwartete die Männer und Frauen der Gemeinde, die dem jungen Mann gratulieren wollten. Man lobte seinen schönen Gesangsvortrag und es wurden Geschenke überreicht." (Willi Wertheimer)

"Die Bar Mizwa-Feierlichkeiten stellen an Üppigkeit in aller Regel jeden Hochzeitsempfang in den Schatten. Der Vater des jungen Sidney Wolfe hat jedoch weder die Mittel noch die Neigung, diesem Beispiel zu folgen, obwohl Verwandte aus Kapstadt und Los Angeles angereist sind. Sidney steigt die Stufen zur Bima hinauf. Ein Raunen geht durch den Raum, und die ganze Schar der weiblichen Verwandten auf der Empore reckt die Hälse. Der Rabbiner begrüßt Sidney wohlwollend und zeigt mit dem silbernen Torafinger auf den Anfang des letzten Teils der Wochenabschnitts (Maftir). Sidney berührt die Stelle mit den Fransen seines Gebetsschals, den er daraufhin küsst. Dann verliest er mit klarer, heller Stimme den Segen. Die Zuhörerschaft lauscht gebannt. Es sind dieselben hebräischen Worte, die Sidneys Vorgänger an diesem Morgen auch schon vorgebetet haben, manche voll Eifer, andere gedankenlos, manche selbstsicher, andere mit ängstlichem Blick auf den Spickzettel, der in einem kleinen Rahmen am Lesepult befestigt ist. Sidney kann die Worte auswendig. Sein Problem liegt woanders. Mit dreizehn ist man im Stimmbruch und damit ständig in Gefahr, unfreiwillig vom knabenhaften Alt in einen gequetschten Bariton abzurutschen. ... Er hat in den letzten acht Monaten intensiv gepaukt und ist fest entschlossen, heute die Früchte dieser Mühen zu ernten. Die Maftir-Lesung umfasst nur drei Verse. Es macht nichts, dass der Text weder Vokale noch Satzzeichen enthält, Sidney kennt ihn in- und auswendig. Er nimmt den Platz des »amtlichen« Lesers ein, stürzt sich voller Selbstvertrauen in seine Aufgabe, und schon nach zwei Minuten hat er sie ohne Fehler bewältigt.

Er spricht eine weitere Segensformel, woraufhin sein Vater die vorgeschriebenen Worte anstimmt:
Dank sei dem, der mich von der Verantwortung für dieses Kind befreit hat!
Während die Gesetzesrolle von seinem Onkel Joe hochgehoben und gezeigt, dann zusammengerollt und von seinem Cousin Mick wieder verhüllt wird, wappnet sich Sidney innerlich für die Haftara, die Passage aus den Propheten, die die Grundaussage des Wochenabschnitts zumindest entfernt aufgreift oder auf ein Ereignis darin anspielt, in Sidneys Fall ein Abschnitt aus dem Buch Sacharja. Obwohl sie länger als die Maftir-Lesung ist -- immerhin handelt es sich um eine ganze Seite Text --, bringt die Haftara weniger Schwierigkeiten mit sich, weil sie aus einem normalen Buch vorgetragen wird, in dem Punkte immerhin die Stellung der ausgelassenen Vokale markieren. Sidney vollführt seinen Sprechgesang mit viel Gefühl und schließt triumphierend mit den Segensformeln am Ende der Haftara."

Bath Mizwa, was ist das?

Auch die Mädchen haben, seit noch nicht allzu langer Zeit, ein Fest um ihre Religionsmündigkeit zu feiern - die Bath Mizwa. Sie wird bei ihnen nach dem 12. Lebensjahr vollzogen und bedeutet für eine Jugendliche, dass sie nun "Tochter der Pflicht" ist. Sie muss sich wie alle vollwertigen Mitglieder des jüdischen Kreises an die Gesetze der Tora halten und sie stets ehren. Dieser Brauch wird allerdings nicht in allen jüdischen Gemeinden begangen, denn es ist im sehr orthodoxen Judentum nicht üblich, dass auch junge Frauen die Möglichkeit bekommen ihr Erwachsenwerden in einer Feier zum Ausdruck zu bringen. Anders ist dies im reformierten Judentum, welches seit ca. 1922 auch Bath Mizwen feiert.

verfasst von: Annegret Zettler


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